Nachklang
"Ich kann nicht sagen, ja, dann soll das geschehen. Nein, ich will leben. Ich will auf alle Fälle leben. Aber nicht, um wieder in diesen blinden Trott zu verfallen, noch schneller, noch mehr, sondern ich will ein Leben leben, das einen Sinn ergibt und sich den Menschen nähert." (S. 21/22)
"Diesen Prozess habe ich bei meinem Vater erlebt. Er lag da in seinem Bett, hatte die Aufmerksamkeit von uns, Händchen halten und auch gucken, aber irgendwann ist man gegangen, weil man es nicht aushalten konnte. Man schafft es nicht, ununterbrochen bei jemandem zu sitzen, der nicht mehr am normalen Leben teilnehmen kann. Ich glaube, da gibt es ein Missverhältnis zwischen dem Erlösten und den Unerlösten, also zwischen dem Sterbenden und den anderen Menschen, den Gesunden, die noch glauben, sie könnten sich selbst erlösen, den Faden dazu aber verloren haben und nun wahllos nach Tauen, Seilen oder irgendwelchen anderen Gegenständen greifen, immer in der Hoffnung, den Faden zur Erlösung zu finden. Jemand, der schon halb tot rumliegt, ist aber so nah an der echten Erlösung, dass derjenige, der noch an die Täuschung, das irdische Abbild von Erlösung glaubt, das nicht aushalten kann. Das passt eben nicht zusammen." (Seite 28/29)
"Den Tag und die Stunde und die Minute nicht zu kennen, das ist ja eigentlich gut, das ist ja letzten Endes der Beweis für die Offenheit des Lebens. Aber trotzdem möchte der Mensch partout das Datum wissen, möglichst noch auf die Sekunde genau. ... Das wäre wohl das Schlimmste, was einem passieren könnte: wenn einm die Stunde des Todes auf die Minute genau vorausberechnet wäre. Denn selbst wenn es erst in 50 Jahren wäre, würde man von dem Moment an, wo man es weiß, runterzählen, könnte sich dem Leben nicht mehr öffnen. Es wäre wohl die radikale Unfreiheit." (Seite 30/31)
"Für mich gibt es zwei Möglichkeiten. Ich muss entweder ganz abhauen und sagen: Das soll halt wachsen, das ist jetzt in mir, das gehört dazu. Der andere Weg ist: Nee, bitte, bitte, noch eine Infusion, und dann ein bisschen kotzen, und dann noch ein Stückchen hier raus und da raus. Und da werde ich aggressiv, dann ich kann ja nicht abhauen, ich kann vor allem vor mir selbst nicht abhauen, ich kann mich nicht wegschließen und sagen, ich wache etwas später auf, dann ist alles wieder gut." (Seite 40)
Gott bewahre, dass ich dir eins in die Fresse schlage. Du glaubst wohl, dass du mir mit alldem einen Weg beschreibst. Du beschreibst mir einen Weg, das ist schon klar, aber der Weg hätte ruhig anders verlaufen können, etwas heiliger und berufener, so wie ich mir das in meiner Kitschnudelfabrik vorgestellt habe, weil ich die Kacke so gelernt habe. Ich glaube, dein größtes Versäumnis ist dein Vertriebsnetz. Du hast nicht versagt bei meiner Krankheit oder bei anderen Krankheiten oder bei all den Missständen auf der Welt, du hast versagt in dem Vertrieb deiner Ideen. Da hast du so etwas von versagt. Da hast du die letzten Deppen rangelassen, dei allerletzten Oberfressen, die Möchtegerns und Schwätzer und was weiß ich wen. Alte Gesellen, die nicht ficken dürfen. Pädophile Kappen, die den Afrikanern verbieten, Präser zu benutzen. Das ist dein Vertriebssystem. Da bin ich drauf reingefallen." (Seite 53/54)
"Ich glaube, mir wird langsam klar, dass jetzt wirklich ein neues Leben beginnt, und dass es da auch schöne Momente geben wird. Wenn ich nach der OP wieder aufwache, dann beginnt eben ein anderes Leben. Leben heißt dann, jeder Tag ist ein neuer Tag. Das ist dann der Tag. Und dann kommt der nächste. Und danach kommt der nächste. Diese unbedarfte, unbeschwerte Freude, die man früher hatte, die ist natürlich weg. Die kommt wahrscheinlich auch nicht wieder. Und trotzdem gibt es Momente, bei denen man sich freut. Das kleine, triviale Mettbrötchen, das ich mir zurzeit nicht selbst holen kann, ist mir gerade tausend Mal wichtiger als irgendeine Achterbahnfahrt auf irgendeiner Bühne. Dann gibt's demnächst nur Mettbrötchen oder so was. Das ist die Zukunft. Die Freude am Kleinen. Mit Aino habe ich sogar schon angefangen, ein bisschen zu planen." (Seite 59/60)
"Muss ich halt lernen, auf dem Sofa zu liegen und nichts anderes zu tun, als Gedanken zu denken." (Seite 61)
"Ist wahrscheinlich blöd, aber ich fühle mich von diesem Ding in meinem Körper gerade extrem beleidigt und massiv bedroht. Aber vielleicht komme ich ja wieder in eine gute Phase." (Seite 74)
"Ich frage mich immer stärker, wer denn mit denen redet? Wre hat denn da Kontakt? Ich habe ja das Privileg, mit vielen, vielen Leuten reden zu können. Andere sitzen rum und haben niemanden. Die müssen die ganze Zeit im Internet surfen und irgendwelchen Schwachsinn lesen, den Betroffene und Pseudoärzte schreiben. Betroffene, die natürlich genauso hilflos sind. ...
Nicht die Krankheit ist das Leiden, sondern der Kranke leidet, weil er nicht fähig ist zu reagieren, weil er nicht die Möglichkeit hat, mitzumachen. er ist dem System ausgeliefert, weil niemand in diesem System bereit ist, ernsthaft mit ihm zu sprechen.
Klar: Diagnose, Prognose, Therapie, es wird beinhart aufgeklärt, aber wirklich miteinander gesprochen wird nicht. Dabei könnte man allein dadurch helfen, dass man mit den Menschen spricht, zu Gedanken animiert oder nach Ängsten und Wünschen fragt. Denn dann wäre der Kranke wieder am Prozess beteiligt, dann wäre er aus der Statik befreit, die einem die Krankheit aufzuzwingen versucht." (Seite 87/88)
"Zu merken, dass man geliebt wird, ist schön. Jemanden zu lieben, ist auch schön. Aber was machen die Leute, die niemanden haben? Ich denke immer mehr, dass man auch einen Weg finden muss, sich selbst gern zu haben. Aber wie liebt man sich selbst, ohne arrogant und schöselig zu werden? Das finde ich schwierig. Hört sich so selbstverständlich an, man sollte sich selbst mögen - aber wie macht man das? Wie machen das die anderen?" (Seite 93)
"Ich glaube an die Macht des Gedankens. An die Freiheit des Gedankens. Aber ich habe mich nicht freuen können, mich nicht belohnen können, mich nicht streicheln und lieben können. Sich immer mal wieder zu sagen, Christoph, das war ein guter Tag, das hast du gut gemacht - das habe ich einfach vergessen. Und das ist schade. Das ist sehr, sehr schade." (Seite 96)
"Natürlich möchte ich am liebsten noch einmal 47 Jahre leben. Ist doch klar. Wer denn nicht? Warum sollte ich denn jetzt sagen, das reicht mir, habe genug gemacht, auf Wiedersehen? Und sich damit zu trösten, dass es für einen Künstler besser ist, jung zu sterben, bevor er sich im Alter nur noch selbst zitiert, nee, vielen Dank! Dann will ich lieber kein Künstler mehr sein, da will ich doch lieber leben." (Seite 101)
