Nachklang

 

Siegfried Lenz: „Über den Schmerz”

 

Die Rede „Über den Schmerz” hielt der Autor im Mai 1993 in Jerusalem anlässlich der Verleihung der philosophischen Ehrendoktorwürde durch die Ben-Gurion-Universität. 

In den nun zitierten Absätzen hat Lenz sehr genau und einfühlsam die Zusammenhänge von Schmerz, Sprache und Lebenwollen/Lebenmüssen formuliert, Gedanken, die oft auch Trauernde bewegen:

 

„Der Schmerz (...) ist nicht nur ein Problem, er ist auch ein Geheimnis. (...) Der eine empfindet ihn als stechend, reißend und hämmernd, der andere als brennend, pochend und schneidend, dieser von uns erfährt ihn als marternd, erschöpfend und lähmend, jener als durchstoßend und mörderisch. Auch hier belegt die Sprache, wie variabel die Empfänglichkeit unserer Sinne ist. Als was immer uns der Schmerz erscheint, ob wir ihn als Symptom oder Syndrom verstehen, ob wir ihn als Warner oder Heimsuchung begreifen, er ist ein Urphänomen, ist an den Menschen gebunden, einfach, weil unser Leben verletzlich ist. Du kannst den Gedanken nicht ertragen, heißt es bei William Faulkner, dass es dir einmal nicht mehr wehtut - und damit ist nichts anderes gesagt, als dass es der Schmerz ist, der uns des Lebens inne werden lässt.” (Seite 7)

 

„Den Schmerz zu leugnen, ihn zu bemänteln und unter Haltungen zu verbergen, hat auf längere Sicht noch nie dazu geführt, ihn folgenlos aus dem Leben zu verbannen. Er wird, ähnlich wie Vergil es von der Natur sagt, durch eine Hintertür wieder zurückkehren. Abgesehen davon: Niemand, der seinen Schmerz eingesteht, büßt in meinen Augen das ein, was man unter Würde versteht.” (Seite 16)

 

„Schopenhauer hat es als Erwägung formuliert: Wenn unser Leben endlos und schmerzlos wäre, sagte er, würde es vielleicht doch keinem einfallen zu fragen, warum die Welt da sei und gerade diese Beschaffenheit habe.” (Seite 19)

 

„In der Tat, der Schmerz ist auch geeignet, unsere Wahrnehmung zu schärfen, und mitunter verdanken wir ihm einen Zuwachs an Erkenntnis. Wir stellen fest, dass Vorläufigkeit und Unsicherheit zu unserem Dasein gehören. Und nicht nur dies: Durch den Schmerz entdecken wir den andern, den Mitleidenden, wir werden gewahr, dass wir nicht allein sind, jeder nur ein Fremder, der sich im Gegensatz zur Welt befindet. Unser Bewusstsein erweitert sich: Wir sind bereit, die Weisheit John Donnes anzuerkennen und ihm darin beizupflichten, dass, wenn die Totenglocke für einen läutet, sie es gleichzeitig auf für jeden von uns tut. Unter Schmerzen sind wir nicht bereit, alle Erfahrungen als gleichwertig anzusehen, vielmehr gelangen wir in den Besitz einer Wahrheit, die vieles andere als unwesentlich erscheinen lässt. Es ist die Wahrheit eines befristeten In-der-Welt-Seins. In-der-Welt-sein aber heißt, vielfältigen Leiden entgegenzuleben.” (Seite 19) 

 

(Siegfried Lenz: Über den Schmerz. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1993) 

 

 


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