Nachklang

 
"Bis dann" - Roman von Roswitha Quadflieg
 
Wunderbare Erzählung über einen 73-jährigen Journalisten, der, darmkrebskrank, seine letzten Tage in einem Altenheim verbringt, eine Brieffreundschaft mit einem 17-jährigen Mädchen beginnt und diese und seine Umgebung so plastisch und wirklichkeitsnah beschreibt, dass man Einsamkeit, Entsetzen und Beuteltee zu schmecken meint. 
 

Hier einige Passagen und Ansichten von Franz Saum alias Franz Maus:

 

Augenblicklich verschwand die kleine Hilfsschwester, und ich hatte in den ersten Stunden, nachdem meine Nichte und ihr Mann mich im Haus Lebensabend auf der Pflegestation II untergebracht hatten, eine Waffe entdeckt, mit der ich mich in den folgenden Monaten gegen Chorsingen, Volkstanz, Entspannungsübungen und gemeinsame Theaterbesuche zur Wehr setzen, und, was das Wichtigste war, mir augenblickliches Alleingelassenwerden erkämpfen konnte. Das Wort "Tod", ein Zauberwort im Haus Lebensabend. Selbst die sonst wenig feinsinnige Oberärztin, Frau Dr. Kruse, verließ sofort das Zimmer, wenn ich es aussprach. (Seite 11)

 

Entsetzlich, die gemeinsamen Mahlzeiten im Saal, diese stramm organisierten Fütterungen mit Vor- und Haupt- und Nachspeisen. Unerträglich, dieses enge Beieinander essender Menschen, die sich gegenseitig nicht zu Tisch geladen hatten.

Ich sehnte mich nach einem weich gekochten Frühstücksei, mit dem ich mich bei aufgeschlagener Zeitung und einer Tasse starkem Kaffee an meinem unaufgeräumten Küchentisch so lange beschäftigen konnte, wie ich wollte. Ich sehnte mich nach scharfem Curry-Beef, nach weißen Tischdecken und brennenden Kerzen, nachts um halb zwei in ausgelassener Runde beim Koreaner neben dem Rathaus. Ich sehnte mich nach einer Flasche Wein im Bahnhofsrestaurant, nach Schweigen und Dasitzen und dieser wundersamen Melancholie, die sich nur einstellt beim Anblick ein- und ausfahrender Züge, ankommender und abreisender Menschen.

Ich konnte mich nicht an die gierigen Augen, die zitternden Hände, die neidischen Blicke auf die Teller der anderen, an das hastige Hineinstopfen, Schlucken, Schmatzen und Husten um mich herum gewöhnen. Ich hasste die von Wischlappen immer feuchten Tische, auf denen dicke weiße Teller mit fertigen Portionen erschienen und von denen sie nach vorgegebener Zeit wieder verschwanden, egal, ob es jemandem geschmeckt hatte, ob sie leer gegessen worden waren oder ob auf ihnen nur herumgestochert worden war. Und ich hasste das Gerede über das Wetter, die undankbaren Enkel und über das Essen am nächsten Tag. (Seite 16)

 

"Herr Maus, Ihre Schuhe! Bringen Sie doch bitte nicht immer so viel Dreck mit herein.!

Die Putzfrau, die jeden Morgen mit ihrem übelriechenden Reinigungswagen in mein Zimmer kam, stellte ihren Wischbesen beiseite, stemmte die Hände in die Hüften suchte wieder einmal Streit.

"Ruhe!", sagte ich. "Ich schreibe", zog meine Füße hoch, damit sie unter ihnen wischen konnte, und wartete.

"Sie und schreiben? Seit Wochen sehe ich nichts als leere Zettel. Meinen Sie, es macht mir Spaß, hinter alten Leuten herzuputzen, die nur dasitzen und Dreck reinbringen?"

"Ich schreibe!", sagte ich drohend.

"Unsinn", sage sie, "Sie sollten lieber etwas Vernünftiges tun. Gehen Sie doch mal in die Bastelstube."

"Ich arbeite mich auf den Tod zu, meine Liebe, Sterben ist Arbeit. jeden Tag muss ich ein bisschen mehr Land abgeben. Jeden Tag muss ich mich ein wenig mehr von all dem trennen, was mir lieb und teuer war. Und außerdem muss ich mich ernsthaft darum kümmern, was dann kommt."

"Haben Sie etwas zu vererben?" Ihre Augen bekamen einen seltsamen Glanz.

"Ja", sage ich, "Erinnerungen. Erfahrungen und Einsichten."

Fluchtartig stieß sie ihren Wagen zur Tür hinaus, wobei der Eimer mit dem Wasser überschwappte und eine hässliche Lache hinterließ.

"Der spinnt jetzt auch schon", hörte ich sie draußen auf dem Flur zu jemandem sagen, ehe sie die Tür hinter sich zuzog. (Seite 32/33) 

 

Roswitha Quadflieg: Bis dann. Roman. Arche Verlag Zürich-Hamburg 1994


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