Netzwerk Trauerkultur

Gedanken zum Jahresausklang 2020

 
Seelische Nähe in Online-Gesprächen?
 

Liebe Freundinnen und Freunde unseres Death Cafés,
„wir lassen Leben und lassen das Leben los. Leben ist aktiv, doch nicht so bewusst, wie wir dies immer meinen“, so Dirk Pöschmann, Direktor des Museums für Sepulkralkultur, in einer kleinen Meditation. Aktiv gestalten wir unseren Alltag, unser Zusammenleben, unsere Rituale des Abschieds und Neubeginns.

„Zum Leben-Lassen gehört auch das Sterben-Müssen. Ich werde geboren, und ich sterbe. In der Geburt sehen wir uns passiv und im Sterben aktiv? Ist es nicht vielmehr so: Ich werde gestorben, denn auch hier entzieht sich alles unserer bewussten Kontrolle. Ich lebe, doch die Grenzen unserer Existenz verweigern sich meinem Einfluss.“*

Ja, darüber haben wir keine Macht, was uns in diesen Corona-Zeiten sehr deutlich bewusst wird. Doch in der Zeitspanne dazwischen können wir geben: praktischen Beistand während Geburt und Sterben. Unsere Empathie, Trauer, Liebe. Unser Aushalten, Mittragen, das Teilen. Unseren Trost. Unsere Gemeinschaft. Schon zwei sind nicht einsam.

Doch wie all das anbieten in Zeiten von Social-Distancing, mit Angst vor dem Virus, ohne Berührungen, ohne Zuspruch und körperliche Wärme? Sogar die klassischen Rituale wie Trauerfeiern, Leichenschmaus, Singen und Kondolenzbesuche waren zeitweilig verboten oder nur abgespeckt erlaubt. Was bleibt uns zu tun, wenn wir uns nur digital verbinden dürfen?

Im Corona-Jahr 2020 haben wir entdeckt, dass Begegnungen am Bildschirm doch nicht so schal, so enttäuschend sind, wie wir anfangs befürchteten. Einige Online-Death-Cafés und etliche Videokonferenzen später fühlen wir uns beschenkt:

Auch in den virtuellen Begegnungen haben wir uns nah gefühlt, haben mitgelitten, haben unsere Gesprächspartnerin* in Blicken, Gesten, Mimik erleben dürfen. Sicher wäre es optimal, auch riechen, sich berühren, die Atmosphäre schmecken zu können, dennoch haben wir uns lebendig, sozial und nicht allein gefühlt.

Hinzu kam, dass dieser geschützte virtuelle Raum, in dem sich tatsächlich nur die Eingeladenen aufhielten, Sicherheit vermittelte und Vertrauen wachsen ließ. Individuelle, intime Erlebnisse fanden aufmerksame Ohren, und manche Gespräche waren von einer solchen Intensität, wie wir sie bisher in keiner realen Begegnung spüren konnten.

Für diese neue Erfahrung sind wir sehr dankbar und fühlen uns inspiriert, weitere virtuelle Formate zu entwickeln, bei denen wir im Austausch mit Ihnen bleiben – und lernen können. Lassen Sie sich überraschen!

Dennoch müssen wir hier mal gestehen: Wir freuen uns bannig auf ein leibhaftiges Wiedersehen 2021, auf Umarmungen und auf Begegnungen mit allen Sinnen.
Bleiben Sie guten Mutes und gesund und kommen Sie gut ins neue Jahr.

Herzliche Grüße
Ute Arndt und Ina Hattebier

*„Friedhof und Denkmal“. Zeitschrift für Sepulkralkultur, 3-2020, „Mitten im Leben. Eine Meditation“, S. 3